Die SchöpfungsZeit 2025 stellt den gesellschaftlichen Überfluss zur Diskussion. Mélanie Kern von der Fachstelle oeku – Kirchen für die Umwelt lädt dazu ein, innezuhalten, sich der eigenen Lebensweise bewusst zu werden und die Verbundenheit mit der Welt neu zu entdecken.
Der diesjährige Slogan der SchöpfungsZeit lautet «Mehr als genug». In der Schweiz haben jedoch längst nicht alle mehr als genug – manche nicht einmal genug. Können Sie Ihren Slogan kurz erklären?
Mélanie Kern: Wir wollten mit dem Slogan genau solche Überlegungen anstossen und haben ihn deshalb bewusst schlicht gehalten. «Mehr als genug» bezieht sich auf die Fülle an Nahrungsmitteln, die uns in der Schweiz zur Verfügung steht – nicht auf die Möglichkeiten aller Menschen, diese auch tatsächlich kaufen und konsumieren zu können. Der Ausgangspunkt ist der Überfluss, den viele von uns im Alltag erleben, etwa die Überforderung vor dem Joghurtregal im Supermarkt. Gleichzeitig wissen wir, dass es in der Schweiz Menschen gibt, für die es nicht reicht – sogar hungernde Kinder. Organisationen wie «Tischlein deck dich» setzen sich für sie ein. Der Slogan soll auch auf dieses Spannungsfeld zwischen Überfluss und Mangel verweisen, das unsere Gesellschaft durchzieht.
Wie kam es zur Wahl des Slogans?
Er wurde von einer Arbeitsgruppe aus dem Vorstand und mir festgelegt. Bei der Themenwahl wiederum orientieren wir uns an den Zielen für nachhaltige Entwicklung, den sogenannten SDGs. Jedes Jahr nehmen wir eines davon zum Ausgangspunkt. In diesem Jahr ist es SDG 2, «Kein Hunger». Bei der Auswahl überlegen wir jeweils, welche Themen aktuell sind – gesellschaftlich, politisch oder klimatisch. Letztes Jahr stand SDG 15 im Fokus: «Leben an Land» bzw. Biodiversität. Das passte sehr gut zur damaligen Abstimmung über die Biodiversitätsinitiative, auch wenn wir uns natürlich ein anderes Ergebnis gewünscht hätten. Im kommenden Jahr folgt SDG 12 zum Thema nachhaltiger Konsum. Innerkirchlich versteht sich die SchöpfungsZeit auch als Ergänzung zur ökumenischen Kampagne von HEKS und Fastenaktion in der Fastenzeit, die sich über drei Jahre hinweg dem Thema Hunger widmet.
Inwiefern ist das Thema Überfluss ein spirituelles Thema?
Nahrung ist ein durchgehendes Thema in der Bibel – vom Garten Eden, wo Gott den Menschen zu essen gibt, bis hin zu Jesus, der mahnt, sich nicht zu sorgen um Nahrung. Eine besonders eindrückliche Geschichte ist die der Witwe von Zarpat/Sarepta (1. Könige 17): Ihr Mehl und Öl gehen während einer Hungersnot nie aus, weil sie beides mit dem Propheten Elija teilt. Diese Erzählung erinnert an das Grimmsche Märchen vom süssen Brei – nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Dort kocht ein Zaubertopf unaufhörlich Brei, bis die ganze Stadt überflutet ist. In der Bibel: genug, aber nicht zu viel. Im Märchen: ungebremster Überfluss, der ins Chaos führt. Beide Geschichten verweisen auf einen achtsamen Umgang mit Nahrung – und auf das, was passiert, wenn diese Achtsamkeit verloren geht. Dieser Verlust zeigt sich nicht nur im Konsumverhalten, sondern auch in unserer Beziehung zur Welt insgesamt. Wir haben uns von der Schöpfung entfremdet, weil wir uns als Mittelpunkt sehen, als Krone der Schöpfung statt als Teil von ihr. Doch die Bibel spricht nicht von Herrschaft, sondern von Verantwortung. Wenn ich im Wald bin, versuche ich, einem Schmetterling, einer Blume oder einem Stein als gleichwertigem Wesen zu begegnen. Aus dieser Haltung entsteht Verbundenheit, aus der wiederum Verantwortung für alles Lebendige erwächst.
Wie können wir als wohlhabende Gesellschaft die Fülle, die wir haben, dankbar geniessen – ohne die Augen vor dem Hunger in anderen Teilen der Welt zu verschliessen?
Diese Frage begleitet mich schon lange. Wer beginnt, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen, kann vieles nicht mehr verdrängen. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Dankbarkeit und Verantwortung. Dieses umfasst viele Bereiche des Lebens, darunter Konsum sowie Reisen und Mobilität. Jeder Mensch muss für sich herausfinden, wo er sich einordnen will: Wie viel Autofahren, Fliegen, Fleisch essen stimmt für einen? Andere kommen vielleicht zu ganz anderen Schlüssen für sich und ihre Familie. Moralische Appelle hingegen widerstreben mir. Lernen entsteht nicht durch Schuldgefühle, sondern durch eine bewusste Auseinandersetzung. Dunkle Gefühle wie Ohnmacht oder Hilflosigkeit, so unangenehm sie sein mögen, können dabei sehr wertvoll sein: Sie zeigen uns etwas auf und öffnen den Weg zu neuen Fragen und Entscheidungen.
Das vollständige Interview erschien in der Zeitung «reformiert.» und kann hier nachgelesen werden: Interview mit Mélanie Kern