Anja Michel

«Trauern bedeutet, die Beziehung zum Verstorbenen ins Leben danach zu integrieren»

Für Anja Michel ist die Arbeit mit Sterbenden nicht düster, sondern voller Leben. Mit ihrem Engagement will sie der Kirche einen neuen Platz in der Trauerkultur unserer Gesellschaft geben.

Dass Anja Michel einmal Pfarrerin werden würde, war keineswegs vorgezeichnet. «Im Gymnasium hatte ich einen coolen Religionslehrer», erzählt sie. Religion war für sie das Fach, in dem die grossen Fragen ihren Platz hatten. Nach der Matur zog es sie jedoch nicht an die Universität, sondern nach Kamerun. Ein Jahr lang arbeitete sie dort für die Mission 21. «Ich kannte die Organisation zuvor gar nicht und fragte meine Eltern, ob das vielleicht eine Sekte sei», erzählt sie. Vor Ort erlebte sie ein lebendiges Christentum, das sie nachhaltig prägte.

Zurück in der Schweiz folgte sie zunächst ihrem Traum, Bewegungstheater zu erlernen. Sie bestand die Aufnahmeprüfung an der Scuola Dimitri, überstand die Probezeit aber nicht. Also wandte sie sich der Theologie zu. «Damals dachte ich, alle, die nicht wissen, was sie studieren sollen, landen dort», sagt sie. Die vermeintliche Verlegenheitslösung entwickelte sich rasch zum Wunschfach. «Die Vielfalt der Disziplinen faszinierte mich: Geschichte, Philosophie, Psychologie, alte Sprachen – in der Theologie ist dies alles drin.»

Sterben als verdichtetes Leben

Dass sie später einmal Pfarrerin werden würde, hätte sie während des Studiums nicht gedacht. Auch ihre erste Zeit im Pfarramt gestaltete sich herausfordernd und erfüllte sie nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Um andere berufliche Perspektiven zu prüfen, absolvierte sie sogar ein Masterstudium in Sozialarbeit. Doch die Auseinandersetzung mit den grossen Fragen des Lebens und die Faszination für die Theologie erwiesen sich letztlich als stärker – und führten sie schliesslich wieder zum Pfarrberuf.

Seit 2017 arbeitet Anja Michel als Seelsorgerin bei der Stiftung Diaconis in Bern. Auf der Palliativstation und im Pflegeheim begleitet sie Menschen in ihren letzten Lebensphasen: «Das Überraschende ist: Sterben unterscheidet sich nicht grundlegend vom Alltag. Es ist nur verdichteter», sagt sie. Besonders bewegend sind für sie die Gespräche mit Sterbenden und ihren Angehörigen. Dabei eröffnet sich ihr ein breites Spektrum an Biografien, Beziehungsformen und individuellen Philosophien, die sie immer wieder tief berühren. Zugleich möchte sie das Lebensende nicht verklären: «Sterben ist nicht nur intensiv und existenziell. Es gibt auch die andere Seite: Müdigkeit, Unwohlsein, Probleme mit dem Stuhlgang.

Das Porträt erschien in der Zeitung «reformiert.» und kann hier nachgelesen werden: Porträt Anja Michel