Die Feinsteinzeug-Kollektion «Atelier» von NovaBell (hier in der Farbe Calacatta Gold) bringt Marmor-Optik in Innenräume. Die Oberflächen eignen sich u.a. für die Verkleidung von Böden und Wänden, Küchen und Arbeitsplatten, Bäder und Türen. Bild: NovaBell

Sanft, warm – und herausfordernd

Pantone wählt einen Weisston als Color of the Year. Die Farbgestalter Nicole Fry und Thomas Hohl erklären, warum diese vermeintlich neutrale Farbe alles andere als simpel ist.

Viele hatten mit Grün gerechnet, doch es kam anders: Mit «Cloud Dancer» (Farbnummer 11-4201 TCX) machte ein Weisston das Rennen um die Pantone Color of the Year – zum ersten Mal überhaupt in deren 26-jähriger Geschichte. «Bei der Farbe handelt es sich um ein leicht warmes Weiss, das sanft durch einen warmen Buntanteil und Grau gedämpft ist», erläutert Nicole Fry. Sie führt mit Thomas Hohl in Zürich ein Büro für Farbgestaltung, beide sind auch als Dozenten tätig. Nicole Fry bildet in Selzach Wohnberater und Einrichtungsplaner im Umgang mit Farbwirkung und -anwendung aus und unterrichtet am Ausbildungszentrum des Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verbands SMGV in Wallisellen über Farbwirkung. Thomas Hohl leitet den Studiengang Farbdesign an der Schweizerischen Textilfachschule STF in Winterthur.

Zwischen Reinheit, Leichtigkeit und Kälte

«Farbsymbolisch steht Weiss für Frieden, Reinheit und Unschuld», erklärt Nicole Fry. Thomas Hohl sieht in «Cloud Dancer» überdies einen Gegenpol zur Reiz- und Nachrichtenüberflutung unserer Zeit, zumal die Farbe wegen ihrer warmen Note entspannend wirke. Allerdings reagieren nicht alle Menschen gleich, sagt Nicole Fry: «Je nach den persönlichen Erfahrungen einer Person löst ein Farbton unterschiedliche Eindrücke aus.» Intermodal – über mehrere Sinne hinweg – liessen sich schon eher ähnliche Assoziationen feststellen, die für die meisten Menschen gelten: «Weisstöne wirken leise, ruhig, kühl, luftig und schneeartig», sagt Nicole Fry. Für die Inneneinrichtung sei dieser Aspekt oft wichtiger als die klassische Farbpsychologie.

Im Netz kommt die Wahl der Pantone Color of the Year nicht überall gut an: Manche empfinden sie als langweilig, andere kritisieren sie gar als rassistisch. Nicole Fry und Thomas Hohl hingegen gewinnen «Cloud Dancer» viel Positives ab: «In der Einrichtung erfordern Weisstöne besondere Aufmerksamkeit. Sie laden uns ein, uns vertieft mit Farbgestaltung auseinanderzusetzen, und bieten damit reichlich Gesprächsstoff», sagt Thomas Hohl.

Weiss ist nicht gleich Weiss

«Am Anfang steht die Frage: Wie soll der Weisston wirken? Warm oder kühl, gedämpft oder leuchtend?», sagt Thomas Hohl. Ist diese Frage geklärt, muss die Umgebung geprüft werden – denn diese verändert die Wahrnehmung eines Weisstons. Tageslicht, Kunstlicht und Reflektionen, etwa von farbigen Wänden müssen bei der Farbgestaltung deshalb sorgfältig mitberücksichtigt werden. «Ist zum Beispiel das Licht der Leuchten nicht warm genug, kann selbst eine weisse Wand mit warmem Unterton kühl wirken», sagt Thomas Hohl.

Gerade an weissen Flächen werde zudem sichtbar, wie stark Licht und Material zusammenspielen: «Auf strukturierten Oberflächen zeigt sich das Licht- und Schattenspiel mit Weiss besonders intensiv», sagt Thomas Hohl. Auch unterschiedliche weisse Materialien und Oberflächen gewinnen dadurch an Ausdruck. «Eine abgestimmte Kombination verschiedener Weisstöne und Texturen wirkt verbindend und ruhig – und bleibt dennoch spannend.»

Weiss als Farbverstärker

«Soll Weiss in der gesamten Einrichtung dominant sein, braucht die Farbe einen eigenen Klang in der Farbkomposition. Denn als Hauptfarbe verstärkt Weiss die Wirkung aller weiteren Töne. Um diese Wirkung nicht zu überzeichnen, empfehlen sich Farben, die selbst zurückhaltend sind: Pastelltöne mit hohem Weissanteil oder unbunte Farben mit viel Grau», ergänzt Nicole Fry. «Eine gelungene Paarung ist Weiss und Zitronengelb. Dies wirkt mutig und zugleich frisch und bleibt im Gesamtbild hell.»

Pflegeleicht ist anders

Nicht nur bei der Auswahl, sondern auch bei der Pflege ist Weiss eine herausfordernde Farbe. Weil Schmutz auf hellen Flächen schnell auffällt, müssen Räume besonders sauber gehalten werden – sonst wirkt die Einrichtung schmuddelig statt luftig und klar. Solch praktische Überlegungen seien bei der Farbwahl ebenfalls wichtig, betonen die beiden Fachleute: «Wir richten nicht für Instagram ein, sondern für uns selbst. Das Wohlbefinden steht an erster Stelle.»

Der Beitrag erschien in der Verbandszeitschrift einrichtenschweiz.