David Kuratle

«Mikromomente im Alltag nähren die Beziehung mehr als Ferien»

Glückliche Partnerschaften passieren nicht von selbst. Paarberater David Kuratle erklärt, welche Faktoren bei der Partnerwahl entscheidend sind, wie Paare im Alltag Nähe und Verständnis bewahren und welche Warnsignale auf Beziehungsprobleme hinweisen.

Was gilt es bei der Partnerwahl zu beachten, wenn man eine möglichst glückliche Beziehung führen will?

David Kuratle: Es ist wichtig, dass Paare ihre Beziehung trotz aller Verliebtheit auch rational betrachten und zentrale Themen ansprechen: Möchte ich Karriere machen, eine Familie gründen, mich sozial engagieren? Diese Lebensvorstellungen können sich im Laufe der Zeit verändern, doch wenn das Gespräch darüber ein Tabu ist, belastet dies die Beziehung. Wie viele ähnliche Persönlichkeitsmerkmale und Gemeinsamkeiten wie Hobbys man hat, ist dagegen weniger wichtig. Vielmehr zählt, wie gut man über Unterschiede sprechen und verhandeln kann. Ebenso wesentlich ist, dass der Partner oder die Partnerin emotional erreichbar ist.

Was muss man tun, damit man als Paar oder Familie nie eine Beratung von Ihnen braucht?

Die Frage ist zunächst, ob das überhaupt ein sinnvolles Ziel ist. Zentral ist eher eine Grundhaltung, die anerkennt, dass Krisen zum Leben gehören und dass es Stärke ist, sich bei Bedarf Unterstützung zu holen. Im Alltag hilft es, regelmässige Verbindungsmomente zu schaffen und sich nach Konflikten rasch zu versöhnen, damit sich Spannungen nicht festsetzen. Wichtig ist zudem, über wiederkehrende Muster zu sprechen, statt in Schuldzuweisungen zu verfallen. Gelingt das, vertieft sich die Verbindung trotz des Konflikts. Es ist etwas ganz anderes, ob man gemeinsam gegen ein Muster, den gemeinsamen «Feind», kämpft als gegeneinander. Zu einer gelingenden Beziehung gehört auch, Veränderungen immer wieder fair auszuhandeln und Erwartungen offen anzusprechen, etwa zu Themen wie Geld, Care-Arbeit, Sexualität oder der Beziehung zu den Herkunftsfamilien.

Gibt es Rituale, die Sie Paaren empfehlen?

Ich empfehle Paaren Rituale, die Nähe und Aufmerksamkeit im Alltag fördern. Ein Beispiel ist das Zwiegespräch: Beide Partner teilen eine definierte Zeit hälftig. Der eine spricht, der andere hört zu, und der Sprecher definiert, ob das, was ihm wichtig ist, beim anderen angekommen ist. Danach tauscht man die Rollen. Auch kurze Rituale wie «Wetterberichte», in denen man sich über das Befinden austauscht, schaffen Verbindung. Ebenfalls empfehlenswert sind feste Paarzeiten im Kalender, bewusste Begrüssungen und Verabschiedungen sowie gemeinsame Entspannung. Diese Mikromomente im Alltag nähren die Beziehung mehr als Ferien. Rituale funktionieren besonders gut, wenn sie zur Gewohnheit werden und so auch im grössten Stress Platz finden – wie das Zähneputzen, das man nie vergisst.

Das Interview erschien in der Zeitung «reformiert.» und kann hier nachgelesen werden: Interview mit David Kuratle